Musikalische Früherziehung ermöglicht den Kindern zu lernen, dass es verschiedene Lautstärken beim Musizieren gibt. Manche Stellen müssen ganz leise, andere lauter gespielt werden. Man verwendet in der musikalischen Fachsprache den Begriff „Dynamik“ für die Unterschiede in der Lautstärke. Eine geringe Dynamik bedeutet, dass die Unterschiede in der Lautstärke gering sind. Das kann sowohl bedeuten, dass alles laut gespielt wurde oder das alles mehr oder weniger leise gespielt wurde. Ist der dynamische Umfang hoch, so werden starke Unterschiede zwischen den lautesten und leisesten Tönen gemacht.

Sagt der Dirigent zum Posaunisten: „Machen Sie mal etwas mehr Dynamik!“

Da erwidert der Posaunist: „Aber ich spiele doch schon so laut wie ich kann?!“

 

Wie beeinflusst Dynamik unsere kommerzielle Musik?

In der Tontechnik, also beim Herstellen von CDs im Bereich der klassischen und Pop Musik ist dieses Phänomen auch vorhanden. Lass uns mal einfach folgendes Experiment machen:

Höre im Auto oder auf der Stereoanlage folgende Musik kurz hintereinander:

  1. Ein klassisches Stück von einer älteren Aufnahme, z.B. Klaviersolo von Martha Argerich oder Aufnahmen von dem Plattenlabel „Deutsche Grammophon“
  2. Ein Pop Lied aus den 80ern, z.B. von Michael Jackson oder Whitney Houston, Denise Williams
  3. Ein Lied von der neuesten Metallica CD oder etwas, das nach 2006 produziert wurde
Was kannst du als Ergebnis erwarten?

Du müsstest eigentlich hören, dass der dynamische Umfang von 1. zu 3. leider immer geringer wird. Macht man die Wellenform der Musik im Tonstudio sichtbar, kann man das sogar ganz deutlich sehen. Heutige Pop-Musik sieht leider oft aus wie eine dicke, gleichförmige Wurst, statt Unterschiede in der Form zu beinhalten. Dies hat damit zu tun, dass die Produzenten versucht haben, um die Gunst der Hörer mit immer lauteren Mischungen zu buhlen.

Bei der digitalen Aufnahmetechnik steht eigentlich ein riesig großer Lautstärkebereich zur Verfügung, den wir ausnutzen könnten. Wenn der dynamische Umfang der Musik groß ist, sind leise Stellen sehr leise, laute Stellen sehr laut. Das erzeugt großen Effekt, wie z.B. bei der Symphonie mit dem Paukenschlag oder dem immer lauter werdenden Bolero. Manchmal muss man aber auch beim Autoradio die Lautstärke nachregeln, wenn man einen Klassiksender hört, da bei den leisen Stellen das Motor- und Abrollgeräusch lauter ist als die Musik. Wird die Musik dynamisch lauter, dreht man wieder zurück.

Warum wurde Musik immer lauter?

Da die Musikindustrie der vielleicht irrigen Meinung war, Menschen würden sich lautere Musik lieber kaufen, wurde in der Pop Musik der dynamische Umfang über die Jahrzehnte immer stärker eingeschränkt. Dadurch kann man die Musik technisch auch insgesamt lauter machen, also in die Nähe der maximal möglichen Lautstärke abmischen, da die lautesten Stellen einfach abgeschnitten werden. Leider endeten dadurch viele gute Songs in einem völlig undynamischen Lautheitsbrei, der im Prinzip nur noch auf einer Lautstärke arbeitet. Nimm als Beispiel einfach aktuelle Pop Songs von den amerikanischen Stars. Dort ist zu oft so gut wie keine Dynamik mehr vorhanden, was die Stücke musikalisch total verarmen lässt. Denn Dynamik ist eines der wichtigsten Ausdrucksmittel der Musik und durch Lautstärkeunterschiede werden Gefühle an den Zuhörer übermittelt.

Was können wir dagegen tun?

Mittlerweile haben sich führende Toningenieure wie Friedemann Tischmeyer dagegen gewehrt und haben das Dynamic Range Projekt ins Leben gerufen, wodurch empfohlene dynamische Unterschiede für verschiedene Musikrichtungen vorgeschlagen werden. Auf manchen CDs findet man schon die „DR“ Angabe. Der Wert sollte möglichst hoch sein, so in der Gegend von 8-14, wobei 8 für Techno und 14 für Balladen funktioniert. Hoffentlich lernt die Musikindustrie hier ein Umdenken, sonst werden die Menschen durch Hören der Popmusik Hörschäden erleiden und auf eine völlig undynamische Musik konditioniert, und verlieren die Fähigkeit, Lautstärkeunterschiede als Ausdrucksmittel wahrzunehmen.

Was bedeutet das für Dein Kind und das Musikhören über Kopfhörer?

Wenn du dich dafür interessierst, vor allem auch, wie Kopfhörer und zu laut komprimierte Musik aus aktuellen Charts zum Hörverlust Deines Kindes führen können, ohne dass man den Eindruck hat, dass die Musik zu laut sei, schau Dir das unten verlinkte Video an. Es geht zwar auch um technische Details, aber merke Dir die wertvollen Informationen für den alltäglichen Umgang mit Musik, mit Hilfe derer Du gegenüber Deinem Kind argumentieren kannst, warum es die Musik leiser drehen sollte, als es eigentlich denkt. Wir kennen das als Eltern und möchten, dass die Musik leiser gemacht wird, aber die Kinder nehmen die Musik nicht als schädigend laut wahr. Hier sind also technische Argumente, mit denen Du Deinem Kind erklären kannst, warum es vielleicht schädlich ist, die Musik so zu hören. Insbesondere der Aspekt mit dem Bass und der fehlenden Absorption der hohen Frequenzen in der Luft treten bei Kopfhörern verstärkt auf.

Das Video findest Du unter folgendem Link, es ist das zweite, kleinere Video von oben, über dem steht: „Loudness war“ und auf dessen Bild zu sehen ist: „The Loudness war – Background, Speculation and Recommendations“. Die Sprache des Tons ist Deutsch und es reicht, dazu die Grafiken zu sehen. Man muss den englischen Text auf den Folien nicht übersetzen können.

Link zum Video über den Lautheitswahn von Friedemann Tischmeyer und Earl Vickers

Musikalische Früherziehung lehrt Kinder Dynamik und Artikulation

So ist die Dynamik also eines der wichtigsten Ausdrucksmittel für Musik und kann Emotionen übermitteln. Daher sollte jeder Musiker in der Lage sein, die Lautstärke seines Instruments sehr genau zu kontrollieren. Insbesondere wenn von einer auf die andere Lautstärke gewechselt wird, und dieser Wechsel nicht abrupt, sondern nach und nach erfolgen soll, müssen die Zwischenstufen, also das Lauterwerden und das Leiserwerden gut beherrscht werden. Das ist gar nicht so einfach.

Bei Amateurorchestern kommt es häufig im Alltag vor, dass durch Nachlässigkeit oder dadurch, dass sich die Musiker nicht darüber bewusst sind, welche Lautstärke und welches Gefühl ihr Spiel zur Erzeugung eines passenden Gesamtklangs gerade erfordert, sie oft einfach mit einer zu lauten und gleichförmigen Lautstärke spielen. Dann klingen die Stücke runtergeleiert und verlieren an Leben.

Musikalische Früherziehung gibt Eltern und Kindern das Material an die Hand, Musik mit hoher Dynamik spielen zu können, und es ist eines der Ziele, die folgenden 11 Bezeichnungen zu lernen. Diese werden in Musikstücken in die Noten geschrieben, um Musikern anzuzeigen, welche Lautstärke der Komponist sich an dieser und jener Stelle vorgestellt hat.

Dynamikzeichen (= die Lautstärke, von leise zu laut)

pianissimo (pp) – sehr leise

piano (p) – leise

mezzopiano (mp) – etwas leise

mezzoforte (mf) – mittlere Lautstärke

forte (f) – laut

fortissimo (ff) – sehr laut

 

Lautstärkeänderungen

crescendo (cresc.) – lauter werdend

decrescendo (decresc.) – leiser werdend

diminuendo (dim.) – leiser werdend

Artikulation

Ein anderes Ausdrucksmittel ist die sogenannte Artikulation. Darunter versteht man in der Musik, ob ein Ton kurz und abgetrennt von anderen Noten gespielt werden soll, oder lang, so dass er mit dem nächsten Ton verbunden wird. Wenn Töne lang und verbunden klingen, klingt das Stück eher gesanglich, wenn sie kurz und abgetrennt sind, kann die Musik fetziger, scherzhafter oder auch mal kriegerisch klingen. Die beiden Begriffe zur Artikulation, die durch musikalische Früherziehung gelehrt werden, lauten:

legato (leg.) – gebunden

staccato (stacc.) – kurz, abgestoßen,

Achtung: Die staccato Noten haben einen Punkt über oder unter dem Notenkopf, aber nicht daneben. Noten mit einem Punkt neben dem Notenkopf nennt man punktiert. Bei ihnen wird die Tondauer zeitlich geändert, das hat nichts mit staccato zu tun.

Lautexperiment

Sage zum Spaß einmal „legato“ und „staccato“ laut vor dich her. Dabei merkst Du schon, wie gebunden „legato“ klingt und wie abgestoßen „staccato“. Sage danach mal „Dumbledore“ und „Snape“. Falls du Harry Potter nicht kennst, „Dumbledore“ war ein ruhiger, besonnener, väterlicher Schuldirektor und Snape ein scharfer Lehrer. Andere Beispiele sind „Blume“ und „Kaktus“. Die Blume hat weiche Blütenblätter, während der Kaktus sticht und piekst.

Die Kinder lernen durch musikalische Früherziehung diese grundlegenden Zeichen für Dynamik und Artikulation kennen, da bei dem Lernkonzept bewusst die Vielfalt der Lautstärkevarianten spielerisch „ganz nebenbei“ gelernt werden soll.

Dazu gibt es tolle Übungen, die Du auch mit Deinem Kind zuhause machen kannst. Einige davon werde ich in Zukunft in anderen Blogbeiträgen vorstellen.

Viel Spaß bei mehr Dynamik,

Heidi

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